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14.01.2017


Ich wünsche noch ein gutes neues Jahr!

Silvester in Köln - die Kölner Fakenews-Polizei oder: Willkommen in der Welt der Polizeipropaganda

In der Diskussion über die Meldungen der Kölner Polizei im Zusammenhang mit der vergangenen Silvesternacht ging es in letzter Zeit fast ausschließlich um das Wort "Nafri". Ich werde es, trotz der bekannten Problematik dieser Bezeichnung, hier ausnahmsweise beibehalten, um die manipulative Vorgehensweise der Polizei mit ihren eigenen Worten besser zu beschreiben. Ziemlich untergegangen ist nämlich durch die Konzentration auf "Nafri", wie die Kölner Polizei hier doch recht dreist versucht, die öffentliche Meinung in ihrem Sinn so zu manipulieren, wie  es ihr gerade in den Kram passt. Das ist gerade bei einer Behörde, deren Angehörige gerne so tun als seien sie im Besitz besonderer oder letzter Wahr- und Gewissheiten, bemerkenswert.

Dazu zunächst ein kleiner Wikipedia-Einstieg:

"Propaganda (von lateinisch propagare ‚weiter ausbreiten, ausbreiten, verbreiten‘) bezeichnet einen absichtlichen und systematischen Versuch, öffentliche Sichtweisen zu formen, Erkenntnisse zu manipulieren und Verhalten zum Zwecke der Erzeugung einer vom Propagandisten oder Herrscher erwünschten Reaktion zu steuern.[1] Dies im Gegensatz zu Sichtweisen, welche durch Erfahrungen und Beobachtungen geformt werden." (Wikipedia-Eintrag zu: Propaganda).

"Eine Falschmeldung, auch umgangssprachlich „Zeitungsente“ genannt, ist eine unzutreffende Nachrichtenmeldung. Sie entsteht durch die fehlerhafte oder nachlässige Recherche eines Journalisten oder wird von Journalisten, amtlichen Stellen, Politikern, Unternehmen, Privatpersonen und anderen Informanten absichtlich lanciert." (Wikipedia-Eintrag zu: Fake news / Falschmeldung)

Wendet man diese Definitionen auf das Kommunikationsverhalten der Kölner Polizei zur Silvesternacht an, sind sie fraglos erfüllt. Am 31.12.2016 wurde noch getwittert: "Am HBF werden derzeit mehrere Hundert Nafris überprüft. Infos folgen." Wie immer, wenn insbesondere Organisationen und öffentliche Stellen kommunizieren, muss man sich doch fragen, wozu eine derartige Meldung abgesetzt werden soll. Hier sollte offensichtlich mit dem Blick auf den 31.12.2015 der Eindruck erzeugt werden: "Wir haben dieses Jahr alles im Griff." Jetzt aber heißt es: "Die angeblichen Nafris waren eigentlich gar keine Nafris!" Will wohl sagen: Keine Nafris, kein Racial Profiling. Dann ist doch alles gut, oder? Davon sollte man sich aber nicht einlullen lassen, sondern kurz innehalten und nachdenken. Fast wie von selbst stellen sich dann doch folgende Fragen:

Wenn man tatsächlich Nafris aus den Anreisenden aussortieren wollte, die jetzt aber gar keine Nafris sind - hat man dann nicht offensichtlich nur nach Aussehen entschieden?

Wenn Nafris aus der Kölner Innenstadt ferngehalten werden sollten, um Ausschreitungen zu verhindern, die eingekesselten angeblichen Nafris jetzt aber gar keine Nafris waren - wo waren die Nafris denn dann?

Am HBF bei der Polizei ja anscheinend nicht. Trotzdem lag dieses Jahr weder Köln in Schutt und Asche noch gab es offenbar eine nennenswerte Zahl an Übergriffen oder Taschendiebstählen. Natürlich kann man vermuten, dass die hohe Polizeipräsenz an diesem Silvester hier - unabhängig von den Kontrollen am HBF - einen maßgeblichen Teil dazu beigetragen hat. Wissen wird man es wohl nie, denn man weiß ja nicht, was dieses Jahr ohne verstärkte Polizei passiert wäre, man kann es nur vermuten. Dass Vermutungen aber gerne auf den Holzweg führen, ist hinreichend belegt. Genauso möglich ist, dass gar nichts passiert wäre, weil sich die Situation, die es auch in den Jahren davor nicht gab, vielleicht schlicht nicht wiederholt hätte. Völlig verständlich ist aber, dass dieses "Sozialexperiment" nach Silvester 2015 niemand wagen wollte.

Denn richtig ist natürlich auch: Hätte die Polizei die Lage dieses Jahr so eingeschätzt, dass wohl eher nichts zu erwarten wäre und irgendetwas passiert wäre - der Shitstorm von letztem Jahr wäre zum Shithurricane geworden. Das ist die ewige Zwickmühle der Polizei: Passiert nichts, hat sie sogar dann was richtig gemacht, wenn sie nichts gemacht hat. Passiert was, müssen Köpfe rollen. Um diese Rolle ist sie wirklich nicht zu beneiden.

Umso verwunderlicher aber, warum gerade die Polizei Tweets absetzt, die nicht einmal ansatzweise überprüft wurden. Wieder mal ein Beleg, dass Twitter mit Vorsicht zu genießen ist - auch (oder gerade?) wenn die Polizei was zwitschert.

Es gilt eben auch für die Abteilungen für Öffentlichkeitsarbeit der Polizei, was der "Vater der PR", Edward L. Bernays, in seinem Standardwerk zur Öffentlichkeitsarbeit, "Propaganda", festhielt: "Modern propaganda is a consistent, enduring effort to create or shape events to influence the relations of the public to an enterprise, idea or group." Oder kurz: PR ist nicht Journalismus. Dass Journalismus nicht PR sein sollte, ist ein anderes Thema.